Die Ausstellung, die auf dem Museumsplatz beginnt...
oder
Heinz Mack: Licht – Raum – Farbe
Zu der aktuellen Ausstellung "Heinz Mack Licht - Raum - Farbe" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn aus Anlass des 80. Geburtstags des Künstlers
An einem grauen Märztag 2011, an einem Tag, an dem man nach langem Winter die Sonne und das Licht wieder ersehnt und auf die ersten warmen Frühlingsstunden wartet, an so einem Tag ging ich vom Kunstmuseum über den Museumsplatz zur Kunst- und Ausstellungshalle
... und plötzlich geschah etwas:
Ein Etwas schaute mich frontal an. Mit schnellen und pulsierenden Bewegungen erfüllte es den Museumsplatz mit Licht ... und der Raum verwandelte sich.
Wie ein großes Auge schicke es mir entgegen seinen Blick und von diesem erfaßt, blieb ich stehen.
Es kam in Form eines leuchtenden Farbkreises ... auf dem Bildschirm an der Wand des Museums ... vor dem großen Platz, der dem Lichtkreis den Raum gab, sich in die Weite zu erstrahlen.
Der Farbkreis blickte in den Platz ... und dieser und ich erwiderten ihn.
Das Grau des Tages war plötzlich nicht mehr erdrückend und schwer, es wurde zum Kontrast ... zum Kontrast zu den leuchtenden Farben des Lichtkreises.
Der graue Tag war ver-sinn-bild-licht!
Stehend geblieben prüfte ich mein Empfinden:
- Woher diese Freude ... diese Leichtigkeit? ... Warum war das Grau des Tages so anders geworden?
- ...von einem pulsierenden Lichtkreis ... mitten auf einer Wand... vor dem Museumsplatz, der dem Kreis die Weite gab, seine Kraft und seine Bewegung zu entfalten.
Neben dem pulsierenden Lichtkreis stand: Heinz Mack Licht – Raum – Farbe.
Eine silbrig schimmernde Stele im Innenhof vor dem Haupteingang, ein riesiger, sich drehender Spiegel im Foyer vor dem Eingang in die Ausstellung selbst ... als ich diese endlich betrat, waren die Erwartung und die Anspannung groß, ich hatte das Gefühl, in eine andere Welt hineingelassen zu werden: In eine Welt mit ihren eigenen Regeln und - wie es sich herausstellte - mit ihren eigenen Seinsprinzipien:
„Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich. Zero ist der Mond. Die Sonne ist Zero. Zero ist weiss. Die Wüste Zero. Der Himmel über Zero. Die Nacht -. Zero fließt. Das Auge Zero. Nabel. Mund. Kuss. Die Milch ist rund. Die Blume Zero der Vogel. Schweigend. Schwebend. Ich esse Zero, ich trinke Zero, ich schlafe Zero, ich wache Zero, ich liebe Zero. Zero ist schön. Dynamo, dynamo, dynamo.“
Als ich das zu Ende gelesen hatte, kam mir wieder der Lichtkreis auf dem Bildschirm des Museumsplatzes in den Sinn und ungewollt flüsterte ich wiederholend: „Das Auge Zero.“ – Zero ist das Auge ... Zero wartet auf Deinen Blick ... Zero sucht Deinen Blick ... um ihn zu erwidern...
Und dann ging ich durch die Ausstellung ... durch die Ausstellung mit schief gestellten Wänden, mit den Wänden aus Glas und Spiegeln, mit durchsichtigen Wänden und mit Wänden, die Räume schufen und dem Licht Platz gaben - für sein Spiel und seine Bewegung.
Ich sah nicht nur Kunstwerke, ich sah intensive Denkformate, die hinter der dynamischen Ausdrucksform der Ausstellung einen organischen Rhythmus vorgaben. Dieser war wie ein innerer Fluß, der mich durch die Räume trug bis ich endlich vor einem Bild landete und eine innere Kunst-Meditation in Farbe erlebte – ich sah die nachgeholte Geburt von Zero. Dieses Bild ist für mich der Mittelpunkt der ganzen Ausstellung: „El mare“ (Chromatische Konstellation) 2009. Dieses Bild ist die magische camera, aus der das Auge auf dem Museumsplatz in einen hineinschaut – dieses Bild ist der Himmel... dieses Bild ist die Tiefe... dieses Bild ist der Kosmos...
... und dieses Bild ist der Ursprung von Zero... Sein Zuhause.
In der Intensität der Farben vom Dunkeltürkis des Wassers zum tiefen Blau des Nachthimmels bis zu dem Regenbogen der Farben ganz oben hört Zero seinen ersten Schrei.... so viel Zeit nach seiner Geburt... das Bild entstand fast fünfzig Jahre nach dem Manifest Zero ...
Auf diesem Bild wird Zero vom Himmel in die bunten Farben des Lebens freigelassen... entlassen... hineingeworfen... in die Welt... wie ein Kind, das von der Milch der Mutter lässt und seinen ersten Schritt in die Welt macht und sagt: Zero ist bunt... Zero lebt... Selbst. Zero beginnt zu reden...
Mit sich selbst?
Mit mir?
Mit dir?
Die aktuelle Ausstellung in der Ausstellungs- und Kunsthalle Bonn unter dem Namen „Heinz Mack Licht – Raum – Farbe“ ist nicht nur ein Kunsterlebnis von besonderem Format, sondern auch eine etwas andere Dimension der Weltwahrnehmung und -empfindung, sie ist in das Spiel des Lichts und der Farben von Räumen eingefaßte Philosophie des Verwandelbaren: das Sein schaut sich selbst im Spiegel an.
Ein paar Tage später kam ich wieder zur Kunsthalle, ging wieder über den Museumsplatz und es schien die Sonne... wird sie das pulsierende Auge auf der Wand des Museums überstrahlen?
Aber das Wunder des Farb- und Lichtkreises ereignete sich wieder. Durch das Sonnenlicht unterstützt zeigte der leuchtende Farbkreis noch deutlicher seine Kraft und Intensität... Nun strahlte er nicht nur mir, sondern auch der Sonne entgegen...
....und nächstes Mal komme ich in der Dunkelheit des späten Abends... zu einem Rendezvous mit dem Lichtkreis... um ihm ins Auge zu schauen... zu einem Gespräch mit Zero... um den Ruf vom Zero zu vernehmen...
... und Zero wird reden....
aus der Kindheit von Zero - Wüste „Die Inseln – Sandrelief“ 1974
Zero geht in die Wüste... Zero will spielen... in einem großen Sandkasten... wo die entstehenden Formen noch keine Fixierung finden, sie fließen im Sand, kriechen durch den Sand... sie verkleben sich, sie sind matt, massiv und zerbrechlich... der Wind zerbricht sie...
Zero spielt in einem großen Sandkasten... Zero beginnt zu experimentieren... Zero will die Formen plötzlich festhalten... für einen Moment...
Zero sieht sich im Spiegel... Ein Kind sieht sich im Spiegel... Wer bist Du denn, fragt Zero sich selbst... Und der Spiegel?... Der gibt keine Antwort...
Zero ist irritiert... Zero ist verärgert.... Der da im Spiegel will mit ihm nicht reden...
Zero bringt den Spiegel in den Sandkasten... Zero will diesen anderen da im Spiegel zum Spiel einladen.... Komm... wir spielen zusammen... und der Andere im Spiegel antwortet wieder nicht... Zero schaut in den Spiegel.... immer aufmerksamer... immer stiller... immer lustiger...
Dann nimmt Zero den Sand und baut auf dem Spiegel kleine Sandinseln, so kann es mit dem Anderen im Spiegel doch spielen... in ein Versteckspiel... das Spiel heißt: Zero spielt mit Zero...
Fakten: Heinz Mack wurde am 8. März in Lollar (bei Gießen), Deutschland geboren.
1950 – 1953 studierte er zunächst Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie und danach Philosophie in Köln.
Im gegenseitigen Einander-Entdecken zwischen Heinz Mack und Otto Piene entstand die Idee von Zero als Nullstunde der Kunst, die sich im Jahre 1957-1958 zu einem Kunstmanifest kondensierte und durch die Gruppe um die Künstler Heinz Mack, Otto Piene und später Günther Uecker weltweit bekannt wurde.
Mack arbeitet mit Metall, Glas sowie Sand und schafft eine dynamische Kunst, die sich im Raum durch die Bewegung von Farbe und Licht vollzieht. Mack‘s komplexes Verhältnis zur Malerei, zu der der Künstler in den Neunziger Jahren nach fast dreizigjähriger Pause zurückkehrte, entwickelt sich paradigmatisch von: „Malen ist verdammt schwer“ in den sechziger Jahren zu „Ich habe überhaupt vor keiner Farbe Angst“ in den späten Werken des Künstlers.
Zum 80. Jubiläum des Künstlers wurde in der Kunst- und Ausstellunghalle Bonn die Ausstellung „Heinz Mack Licht – Raum – Farbe“ eröffnet, welche unterschiedlichen Phasen des schöpferischen Lebens des Künstlers umfasst. Mack selbst war aktiv an der Entstehung und der Vorbereitung der Ausstellung beteiligt und schuf extra dafür ein spiralförmiges Kunstobjekt-Monument, das im ersten Raum der Ausstellung aus der Schwärze der Umgebung den Besucher mit seiner hellen Licht und Leuchten in Empfang nimmt.
Empfehlung: Besonders gelungen finde ich den Katalog zur Ausstellung, der aus zwei Hauptteilen besteht:
1. Teil – Das ausführliche Gespräch zu der Ausstellung zwischen Daniel Birnbaum, Hans-Ulrich Obrist und Heinz Mack unter dem Thema: Das Einfache ist das Komplexe, in dem der Künstler seine schöpferische Arbeit aus drei Blickwinkeln betrachtet: Aus der Perspektive der Philosophie (Platon „Sein und Erscheinen“ und seine Nachfolger), aus der Perspektive der Kunst (weg vom Informell und dem Nachkriegsexpressionismus zu den neuen Formen und Medien der Kunst bis zu einer neuen Realität der Kunst) und aus der Perspektive der Wissenschaft (Physik: Wirkung von Licht, Raum, Farbe und Geowissenschaften).
2. Teil – Katalog der in der Ausstellung vorhandenen Exponate.
Aus dem Katalog Heinz Mack, Bonn 2011 KAH Bonn
OkoloGraf bietet die Kunstführungen durch die Ausstellung „Heinz Mack Licht – Raum – Farbe“ auf russisch und deutsch für Erwachsene und Kinder-
Anmeldung spätestens eine Woche vor der Führung





Kommentare
vielen Dank! Es hat mich sehr gefreut.